Köhler: alter Mann mit Kugelschreiber

»Am Aschermittwoch ist alles vorbei, die Schwüre von Treue sie brechen entzwei…« So, oder so ähnlich heißt es glaube ich. Normalerweise begrüße ich als Karnevalsmuffel das Ende der »Beklopptenzeit«, aber der heutige Aschermittwoch hat einen fahlen Beigeschmack, der nicht von einge­legten Heringen kommt. Unser aller Bundespräsident Horst Köhler hat in Ausübung des ihm verlie­henen höchsten poli­ti­schen Amts seinen Kugelschreiber benutzt um das im vergan­genen Herbst durch die große Koalition — entgegen aller Kritik und unter heftigen Debatten — vor den Wahlen durch­ge­drückte und umstrittene Zugangserschwerungsgesetz unterzeichnet.

PiratenschreibtischDamit wird das extrem umstrittene Gesetz, von dem selbst die jetzige Bundesregierung wieder Abstand nimmt und es gar nicht anwenden möchte, in Kraft treten. Über ein Jahr gesell­schaft­licher Debatte, Kritik von hundert­tau­senden von Bürgern und die Einräumung von hand­werk­lichen Mängeln seitens der Politik scheinen an Köhler vorbei­ge­gangen zu sein. Anstatt die Chance zu nutzen, auf die Petenten der erfolg­reichsten Online-Petition und die Netzgemeinde zuzugehen und ein Zeichen zu setzen, provo­ziert er auch noch, indem er verkünden lässt, er habe »keine durch­grei­fenden verfas­sungs­recht­lichen Bedenken«. Ein bißchen verschaukelt fühlt man sich da schon.

Weiter ist noch gar nicht geklärt, ob die Abstimmung im Bundestag über das Gesetz überhaupt Gültigkeit besitzt. Hier gab es einige Unstimmigkeiten bezüglich geän­derten Textfassungen der Gesetzesentwürfe und der dann nötigen erneuten ersten Lesung etc. Vor diesem Hintergrund dieses Gesetz zu unter­zeichnen kann man nicht als Glanzleistung des Bundespräsidenten bezeichnen und zeigt ein trauriges Bild eines Staatsoberhauptes, welches scheinbar nur noch unter­zeichnen darf anstatt unter­zeichnen zu können — oder eben auch einmal nicht, wenn das Parlament, wie in diesem Fall sehr wahr­scheinlich nicht ordentlich gear­beitet hat. Eine Entscheidung seitens des Bundesverfassungsgerichts fehlt dies­be­züglich ebenfalls noch. Darauf zu warten wäre in jedem Fall klug gewesen. Von einem Bundespräsidenten mit etwas Weitsicht und Gespür für »das Richtige« fehlt leider in dieser ganzen Sache jede Spur. Köhler ist nunmal nur ein alter Mann mit Kugelschreiber.

Und jetzt? Wir haben nun ein Gesetz, das selbst von der jetzigen Regierung nicht mehr gewollt ist und was gar nicht zur Anwendung kommen soll. Dennoch bastelt das BKA munter weiter an der Zensurinfrastruktur, durch das heutige Signal des Bundespräsidenten natürlich in seinem Tun bestärkt. Um vergleichbare Fälle zu finden, in denen Exekutivorgane, durch den Bundespräsidenten gestärkt, am Parlament vorbei Machtpositionen ausbauen, muss man in deutschen Geschichtsbüchern schon sehr weit zurück­blättern. In der Geschichte der Bundesrepublik wird man dabei aller­dings wohl nicht fündig.

Wie geht es weiter? Dir Grünen sowie Die Linke haben schon ange­kündigt, einen Antrag im Bundestag zu stellen, das Gesetz vor dem eigent­lichen Inkraft treten nach der Veröffentlichung im Bundesgesetzblatt im Parlament zu kippen. Der Antrag der Grünen könnte eventuell Erfolg haben, wenn der Rest mitzieht. Die SPD hat ebenfalls schon ähnliche Schritte angekündigt.

So wird die Entscheidung Köhlers heute zu einer Nagelprobe für die FDP. Jetzt muss sie zeigen, wie sie zu dem nach den Koalitionsverhandlungen letzten übrig­ge­blie­benen Bürgerrechtsthema steht und ob sie ihre voll­mun­digen Versprechen, das ZugErschwG zu kippen, wahr­machen kann. In Anbetracht der Tatsache, dass die FDP in Umfragewerten gerade stark abgemanht wird besteht noch etwas Hoffnung, dass sie hier ausnahms­weise nicht umfallen wird. Zumal das Vorhaben mitt­ler­weile sicher in Teilen der CDU ebenfalls begrüsst wird.

Und das ist viel­leicht auch mit das einzig positive an der Unterzeichnung des Gesetzes: jetzt kann man dagegen klagen. Der AK Zensur bereitet zur Zeit schon eine Verfassungsbeschwerde vor — und das wird sicher nicht die einzige bleiben. Schade nur, dass immer wieder die obersten Verfassungshüter in Karlsruhe mit solchen Dingen behelligt werden müssen. Ob Hartz-IV-Regelsätze, Pendlerpauschalen oder immer und immer und immer wieder Vorhaben zur Beschneidung unserer Bürger– und Freiheitsrechte.

Das Vertrauen in den poli­ti­schen Gesetzgebungsprozess hat Herr Köhler mit der Gesetzes-Absegnung heute sicher nicht gestärkt — ganz im Gegenteil. Aber die Netzgemeinde und Zensur-Gegner sind wieder alle wach und haben noch nichts vergessen. Nur wenige Stunden nach der Verkündigung schaffte es eine kleine Spontandemo vor dem Schloss Bellevue viel­leicht, unserem Bundespräsidenten dies nochmal ins Gedächtnis zu rufen. Ich denke und hoffe, dass dieser kleine »Schock« heute dazu führt, dass das gesamte Thema und vor allem die leider noch zu wenig medial geführte Diskussion um die Änderungen am Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (JMStV) stärker in den Vordergrund rückt.

Alles in allem fühle ich mich nach dem heutigen Aschermittwoch ein bißchen wie ein Hering: (r)eingelegt und sauer.

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Ein Kommentar

  1. Allein die Überschrift ist klasse !

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